Das Gewissen trinkt bei vielen Kaffeeliebhabern mit. Die meisten Deutschen wissen, dass Kaffee teilweise unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen produziert wird. Das System, dass das Label “Fairtrade” trägt, scheint eine passende Antwort auf dieses Problem zu sein. Es garantiert kleinen Bauern Mindesteinkünfte. Doch tatsächlich zeigen Untersuchungen, dass das System Fairtrade-Kaffee oft nicht wirklich fair ist. Direct Trade erlaubt es, mit gutem Gewissen zu genießen.

Was ist Fairtade-Kaffee?

Auf dem Papier ist das System, das für sein grün-blau-schwarzes Gütesiegel bekannt ist, sehr gut geeignet, um die Missstände in der Produktion von Nahrungs- und Genussmitteln in der dritten Welt zu bekämpfen. Man kooperiert nur mit kleinbäuerlichen Betrieben und fördert sie auf diese Weise gezielt. Kaffeebauern erhalten einen Mindestbetrag pro Kilogramm Bohnen, auch wenn der Weltpreis niedriger ist. Sollte der Weltpreis höher sein, erhalten sie den entsprechenden Betrag. Hinzu kommt eine Sozialprämie, die derzeit (Stand: Mai 2016) bei 0,33 Euro pro kg liegt. Gerade Familien, die Kaffee auf dem Weltmarkt anbieten wollen, soll so gezielt geholfen werden.

Fairtrade-Kaffee

Und die Deutschen lieben die Idee! Seit 2005 steigen die Umsätze von Produkten, die vermeintlich fair gehandelt werden, kontinuierlich an. Inzwischen sind es mehr als 2000, die überall in der Bundesrepublik in Supermarkt, Restaurants und natürlich auch Cafés angeboten werden. In keinem Land verzeichnet der Kaffee mit dem Gütesiegel ein so rasches Wachstum wie in Deutschland. Das Problem dabei: Das System funktioniert oft mehr schlecht als recht und die Organisation, die angeblich fairen Handel befördern möchte, geht nur ungenügend auf die Kritikpunkte ein.

Fairtrade-Kaffee: nicht immer wirklich fair

Das System weist verschiedene Fehlanreize auf. Wer seinen Kaffee mit dem “fairen” Gütesiegel verkaufen möchte, muss eine Aufnahmegebühr von momentan etwa 5000 Euro bezahlen. Weitere jährliche Gebühren folgen. Viele kleine Unternehmen müssen sich dafür verschulden. In der Folge drücken sie die Löhne ihrer Mitarbeiter. Die Konsequenz: Wissenschaftler der University of London konnten aufzeigen, dass die Löhne in vermeintlich “unfairen” Betrieben in Uganda oder Äthiopien gleich hoch oder sogar noch höher als in den Unternehmen sind, die mit dem Siegel arbeiten dürfen.

Kaffee mit Siegel

Zudem kann oft nicht die gesamte Produktion mit dem Gütesiegel verkauft werden. Und an dieser Stelle wird es wirklich kritisch: Angenommen ein Kaffeebauer möchte zwei Kilogramm seiner Bohnen verkaufen. Mit Siegel kann er aber nur die Hälfte der Ware veräußern. Die Qualität vom ersten Kilogramm ist sehr gut. Hierfür erhält er 1,50 Euro auf dem Weltmarkt. Das zweite Kilo ist leider weniger gelungen. Für jenes kann er nur 1,20 Euro auf dem freien Markt erlösen. Er verkauft folglich die guten Kaffeebohnen ohne Siegel, die schlechten mit Siegel und erhält für jene durch den Sozialzuschlag 1,53 Euro. Im Extremfall kann das System also dazu führen, dass schlechterer Kaffee mit Siegel in den Umlauf kommt – was dem gesamten System schadet. Kaffeetrinker wollen zwar mit gutem Gewissen genießen – aber sie wollen eben auch genießen.

Kommt das Geld bei den Bauern an?

Fairtrade-KaffeeEine Studie aus San Diego zeigt einen weiteren kritischen Befund: US-Amerikaner würden beispielsweise noch 50 Cent mehr pro Kilogramm Kaffeebohnen bezahlen, die das Siegel tragen, um den Produzenten zu helfen. Dies hätte laut der Studie allerdings kaum Ertrag. Von 50 Cent kommen gerade einmal 0,3 Cent wirklich bei den Bauern an. Der Rest des Geldes geht unterwegs verloren.

Die Organisation hinter dem Siegel wollte sich lange nicht mit diesen Kritikpunkten auseinandersetzen. Laut eines Berichts der “Zeit” aus dem Jahr 2014 hat man diese Punkte stattdessen als “viel zu verallgemeinernd” zurückgewiesen. Damit hat man allerdings zugleich eingestanden, dass die Untersuchungen scheinbar nicht völlig aus der Luft gegriffen sind.

Direkthandel als lohnende Alternative

Das System von Fairtrade-Kaffee ist allerdings nicht so schlecht, wie es jetzt nach den vorhergehenden Zeilen scheinen mag. Der Mindestpreis und die Sozialprämie sind für zahlreiche Unternehmen eine große Erleichterung. Es macht den Markt nicht so viel besser, wie es vorgibt. Aber es sorgt trotzdem für Verbesserungen.

Allerdings gibt es in Gestalt von Direct Trade eine Alternative, die noch lohnender als Fairtrade-Kaffee ist. Das Zwischensystem entfällt hierbei. Die Verkäufer in den Zielländern verhandeln direkt mit den Bauern. Diese müssen keine Aufnahmegebühren bezahlen. Ein entsprechendes Verfahren, das am Siegel “Coffee Circle” bekannt ist, bezahlt zudem einen Euro pro Kilogramm Sozialprämie. Insgesamt kommt sehr viel mehr vom Geld bei den Bauern tatsächlich an. Für diese wird zudem so der Anreiz gesetzt, wirklich ihre besten Produkte an ihre Partner abzutreten, da jene die höchsten Summen bezahlen.

Kleine Siegelkunde

Gängig gibt es vier Siegel auf dem Markt, die einen gerechten Handel anzeigen sollen. Neben “Coffee Circle” und “Fairtrade” gibt es noch das rot-weiße “UTZ Certified”, das auch bestimmte Qualitätsstandards setzt, sowie das grün-weiße “Rainforest-Siegel”, das für eine ökologisch besonders verträgliche Landwirtschaft bürgt. Die letzteren sind ebenfalls Systeme, in denen die Bauern nicht direkt mit den Verkäufern verhandeln.

Fazit: Fairtrade-Kaffee – nicht nur auf Siegel vertrauen

Wer Kaffee mit einem der Siegel trinkt, hilft dabei, den Markt gerechter zu gestalten. Wer allerdings mit wirklich gutem Gewissen genießen möchte, sollte nicht nur auf die Siegel vertrauen, sondern sich deren Schwachpunkte bewusst sein – und einfordern, dass die Systeme sich der Kritik stellen und so die Bedingungen für die Produzenten weiter verbessern.

Fotos: iStock – © JanBaars, iStock – © Praweena, iStock – © Karnstocks

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