Kaffee von Solino aus Äthiopien
29.11.2019

Solino Coffee: eine äthiopisch-deutsche Kooperation für fairen Kaffee

Verkaufsleiter bei Solino, Dennis Roß, erzählt im Interview von den Anfängen des Projekts und den Zielen für die nächsten Jahre

Die Kooperation Solino Coffee stellt köstliche Hochland-Arabicakaffees zu 100 Prozent im Ursprungsland Äthiopien her. Anbauen, ernten, rösten, verpacken; alle Prozesse finden in Ostafrika statt. Damit ist die Kooperation die erste ihrer Art. Verkaufsleiter bei Solino Dennis Roß erzählt roastmarket im Interview, was das Projekt Solino Coffee ausmacht und wie er überhaupt Teil davon wurde. Außerdem zeichnet er für uns den Weg der Kooperation seit der Gründung im Jahr 2008 nach. 

Solino: Anfänge und Kernidee

Die Kaffeelandschaft entwickelt sich immer weiter. Dabei lassen sich viele Ansätze hin zu mehr Nachhaltigkeit, Ökologie, Transparenz und Partizipation beobachten. Immer wieder entdecken wir spannende Ideen, die uns beeindrucken. Ein solches bemerkenswertes Beispiel liefert nun schon seit 2008 “Solino Coffee”. Mehr davon berichtet uns Dennis Roß.

roastmarket: Lieber Dennis, stelle Dich doch bitte unseren Lesern vor und erzähle uns, wie Du zu Solino gekommen bist.

Dennis Roß: Einfach formuliert: ein verrückter Zufall! Ich habe Felix Ahlers, den Initiator von Solino, an einem äthiopischen Flughafen kennengelernt. Damals besuchte ich gerade einen Kindergarten in Nordäthiopien, in dem ich einige Monate ehrenamtlich gearbeitet hatte. Wir hatten noch einige Zeit bis zum Boarding und kamen einfach zufällig ins Gespräch. Er erzählte mir von Solino und ich war sofort begeistert. Als Konsequenz habe ich ein paar Wochen und zwei weitere Treffen in Deutschland später meinen damaligen Job gekündigt und als Vertriebsleiter von Solino angefangen. Witzigerweise war Felix nämlich gerade auf der Suche nach jemandem, der sich Vollzeit darum kümmert.

Dennis Roß von Solino
roastmarket: Was ist die Kernidee von Solino Coffee?

Dennis Roß: Solino baut den Kaffee in Äthiopien nicht nur an, sondern verarbeitet ihn auch dort! Neben dem Anbau der Rohbohnen findet eben auch das Rösten, das Verpacken sowie der Etikettendruck vor Ort statt. Das Ziel ist es, dort qualifizierte Arbeitsplätze zu schaffen und die sind eben in den allerseltensten Fällen in der Landwirtschaft zu finden, sondern in der Weiterverarbeitung. Die Menschen sollen stärker an ihrem Kaffee partizipieren. Er kommt ursprünglich ja immerhin aus der äthiopischen Region Kaffa, daher auch der Begriff „Kaffee“. Schön ist außerdem, dass die Äthiopier selbst eine uralte Kaffeetradition haben und genau wissen, was guten Kaffee ausmacht. Dadurch verstehen sie auch, wie man Qualität beurteilt.

Röster von Solino

roastmarket: Was unterscheidet Euch von den vielen anderen Kaffeemarken?

Dennis Roß: Wir gehen bei Solino einen in der Kaffeeindustrie untypischen Weg. Mehr als 80 Prozent der Menschen in Äthiopien sind in der Landwirtschaft tätig. Immer wieder leiden sie bei Dürren und Missernten. Äthiopien ist hier nur ein Beispiel, denn viel besser sieht es in anderen Kaffeeanbaugebieten dieser Welt auch nicht aus. Die daraus resultierenden Probleme sind grundsätzlich publik und würden vielleicht den Rahmen sprengen. Mit unserem Weg belassen wir den Großteil der Wertschöpfung in Äthiopien, indem wir den Kaffee dort weiterverarbeiten. Die Leute sollen nicht nur Bauern sein, sondern beispielsweise auch Kaffeeröster, Qualitätsmanager, Hygieneexperten, Druckereiangestellte und Techniker werden können. Diesen qualifizierten Angestellten werden deutlich höhere Gehälter gezahlt. Und auch bei niedrigen Kaffeeweltmarktpreisen, wie aktuell, haben sie ein konstantes Einkommen. Armut und Abhängigkeit in Äthiopien sinken.

roastmarket: Warum eigentlich ausgerechnet Kaffee? Und warum Äthiopien?

Dennis Roß: Tatsächlich lässt sich unser Modell auch auf andere Länder und andere Produkte beziehen. Es geht im Kern um die Verarbeitung im Ursprung und dies geht beispielsweise auch mit Lederwaren oder Schokolade – da gibt es ja auch schöne Projekte. Äthiopien war eher ein Zufallsprodukt. Unser Initiator Felix Ahlers war vor einigen Jahren im Rahmen eines Nachhaltigkeitskongresses vor Ort und kam ins Gespräch mit Leuten aus der Kaffeeindustrie, die ihm noch einmal vor Augen führten, wie wichtig eine Weiterverarbeitung vor Ort für die Entwicklung des Landes wäre.

roastmarket: Wann war der Zeitpunkt für die Entscheidung gekommen, Solino ins Leben zu rufen? Gab es einen bestimmten Auslöser?

Dennis Roß: 2008 hat die EU richtigerweise den bis dahin erhobenen sog. Schutzzoll auf gerösteten Kaffee abgeschafft – immerhin 30% bis dahin. Dies markierte eine wesentliche Erleichterung für das Vorhaben, da nun der Import gerösteter Kaffeebohnen nicht mehr benachteiligt wurde gegenüber dem Import von Rohkaffee, der schon immer zollfrei war. Dies hat dann die entscheidende Grundlage für das Wertschöpfungsmodell gegeben, welche vorher nicht bestand. Das war das Startjahr von Solino.

roastmarket: Welche Voraussetzungen fandet ihr vor, als das Projekt gestartet wurde? Was waren die größten Hürden auf dem Weg zum fertigen Produkt?

Dennis Roß: Nach Jahrzehnten klassischer Entwicklungshilfe ist, neben Inflation und Korruption, vor allem Abhängigkeit entstanden. Viele Menschen in Äthiopien haben nie das Gefühl bekommen, dass sich Dinge wie Effizienz und Arbeitseinsatz in Erfolg umschlagen können. Eine Logik, die hierzulande normal erscheint, ist es in diesen Ländern einfach nicht. Effiziente Prozesse und detailliertes Know-how über die Feinheiten von Röstverfahren und auch die Ansprüche eines deutschen Marktes fehlten da natürlich. Stromausfälle sind auch von Zeit zu Zeit vorgekommen, aber das gehört eben dazu. Dies gilt auch für ethnische Auseinandersetzungen, die es in Äthiopien leider häufig gibt.

roastmarket: Was hat sich seit dem Start von Solino bis zum heutigen Tag bei Euch verändert? Gab es gravierende Veränderungen? Warum?

Dennis Roß: Wir sind heute so viel weiter als zu Beginn und dies in allen Bereichen. Wir haben deutsche Röstmeister nach Äthiopien geschickt, die vor Ort geschult haben. Unsere Partnerrösterei in Addis Abeba konnte mit den Jahren einige Fachkräfte einstellen, unter anderem im Qualitätsmanagement, der Qualitätssicherung und weiteren Teilen der Produktion. Viele dieser Jobs wurden durch Studienabsolventen besetzt. Davon gibt es in Äthiopien nämlich einige, leider aber eben auch kaum qualifizierte Arbeitsplätze. Auch unsere Partnerdruckerei konnte sich weiterentwickelen. Die Qualität des Drucks ist gestiegen, Ausschüsse wurden verringert und die Produktionszeiten verkürzt. Und genau das war ja die Idee: Unternehmen vor Ort sollen sich entwickeln können – quantitativ und qualitativ. Unser Kaffee ist daher mittlerweile nicht nur ein leckeres und qualitativ hochwertiges, sondern insgesamt auch ein professionelles Produkt – von der Bohne bis zur Verpackung.

Röster von Solino in Äthiopien

roastmarket: Warum der Name „Solino“?

Dennis Roß: Solino kommt aus dem Italienischen und heißt ‘kleine Sonne’. Es ist heutzutage nicht mehr so einfach, einen schönen Namen zu finden, der noch nicht als Marke registriert ist.

Fairness braucht kein Siegel

Die Kooperation Solino Coffee eröffnet vielen Arbeitern in Äthiopien eine völlig neue Zukunft, und schafft bei Kaffeetrinkern in Deutschland ein neues Verständnis für das Heißgetränk. Denn mit jedem Euro, den sie in den Kaffee investieren, verbessern sie die Lebensbedingungen der Produzenten in Äthiopien. Wie sieht die Wertschöpfungskette in dem ostafrikanischen Land aus? Dennis Roß erklärt, wie der Kaffee verarbeitet wird und warum Solino auf Zertifikate verzichtet.

roastmarket: Ihr verzichtet ganz bewusst auf vermeintliche Qualitätsmarker wie „Fairtrade“ und „Bio“. Warum geht fair auch ganz hervorragend ohne ein entsprechendes Siegel und warum ökologisch nachhaltige Produkte auch ohne Bio-Zertifikat?

Dennis Roß: Einer der Vorteile der Weiterverarbeitung vor Ort ist, dass unser Partnerröster viele der Kaffeebauern kennt. Er weiß also, woher die Rohbohnen stammen. Es wird darauf geachtet, dass hier keine Pestizide eingesetzt werden. Äthiopische Kaffeebauern setzen diese aber generell in den seltensten Fällen ein, auch weil sie es sich nicht leisten könnten. Um ein Bio-Zertifikat zu bekommen, würden den Bauern erhebliche Kosten entstehen, da die (meist westlichen) Berater für das Zertifikat hohe Gebühren verlangen. Da es uns mit Solino darum geht, möglichst viel Geld in Äthiopien zu belassen, verzichten wir bis heute bewusst auf ein Bio-Zertifikat. Es würde den Kaffee nicht besser, sondern lediglich teurer machen. Ähnlich verhält es sich mit einem Fairtrade-Siegel. Wenn die Bedingungen auf einer Plantage bekannt beziehungsweise vor Ort geprüft sind, dann ist ein Siegel obsolet.

roastmarket: Wie schwer ist dies womöglich selbst heute noch zu vermitteln? Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen, gerade auch mit guter Absicht, sich vermutlich am schnell zu deutenden Zertifikat orientieren, was es Solino-Produkten (leider) sicher nicht leichter macht. Wie geht man damit um und wie schwer fällt unter derlei Voraussetzungen trotzdem die Entscheidung gegen die Zertifizierung?

Dennis Roß: Aufklärung und Transparenz sind hier sicherlich entscheidend. Wenn man es den Leuten erklärt und es dann auch transparent gestaltet, dann ist die Zustimmungsquote doch recht hoch. Erklärungsbedürftig ist das Projekt diesbezüglich natürlich, aber es soll ja eben aufklären und vielleicht auch als Positivbeispiel Akzeptanz finden. Handel sollte grundsätzlich auf Augenhöhe geschehen. Da dies leider noch nicht der Fall ist, werden Siegel benötigt. Das verstehen die Kunden meines Erachtens mehr und mehr.

roastmarket: Nachdem wir bereits Themen wie Fairness und Transparenz angerissen haben, beschreibe uns doch bitte, wie man sich die Wertschöpfungskette bei Solino vorstellen kann?

Dennis Roß: Im Schnitt bleiben mindestens 60 Prozent mehr Wertschöpfung in Äthiopien, ausgehend vom Rohkaffee. 35 Prozent entstehen so durch das Rösten, 15 Prozent durch den Etikettendruck, das Verpacken usw. All diese Schritte passieren bei unseren Partnern vor Ort. Die Vorgaben kommen von uns, werden dann gemeinsam mit den Äthiopiern besprochen und dann von ihnen umgesetzt. Das fertige Produkt macht sich dann auf den Weg nach Deutschland und wird hier entsprechend vertrieben.

roastmarket: Wie würdet ihr es selbst fassen? Ist Solino ein äthiopisches Unternehmen, vielleicht mit deutscher Vertriebsabteilung? Ein internationales Unternehmen? Oder doch ein deutsches? Spielt dies in Deinen Augen überhaupt eine Rolle und warum?

Dennis Roß: Solino ist eine äthiopisch-deutsche Kooperation. Die Rösterei gehört einer äthiopischen Familie, in der auch nur Äthiopier arbeiten. Wir wollen nur die Brücke zwischen den Äthiopiern und den deutschen Konsumenten sein. Das verstehen wir auch unter „Handeln auf Augenhöhe“. Ansonsten funktioniert sonst alles (bewusst) wie bei jedem anderen Unternehmen. Erfolge werden zusammen gefeiert, Fehler werden gemeinsam besprochen und gelöst. Dadurch entsteht Selbstverantwortung und Eigeninitiative und jeder hat verstanden, dass nur ein perfektes Produkt auch mehr Geschäft bringen wird.

roastmarket: Wie viele Mitarbeiter arbeiten inzwischen insgesamt für Solino Coffee?

Dennis Roß: Seit der Gründung sind 120 Jobs entstanden. Ziel sind 1.000! Diese verdienen im Schnitt übrigens drei- bis zehnmal so viel wie der äthiopische Durchschnittslohn!

Stolzer Mitarbeiter bei Solino in Äthiopien

Aktuelle Ziele und Zukunft

Wir von roastmarket möchten natürlich auch wissen, wie es in Zukunft mit dem Projekt Solino Coffee weitergeht und welche Themen momentan besonders wichtig sind. Dennis Roß erzählt, welche Projekte Solino gerade plant und was die Kooperation umtreibt. Er verrät aber auch, wie er ganz privat seinen Kaffee am liebsten trinkt.

roastmarket: Welche größeren Themen spielen derzeit eine Rolle bei Euch?

Dennis Roß: Die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) unterstützt im Auftrag der deutschen Bundesregierungen einige Bauern-Kooperativen. Die Ziele sind hier vor allem Fairness und Transparenz. Wir möchten unseren Rohbohnenbezug zu einem großen Teil oder komplett auf diese Kooperativen umstellen. Bei solchen Plänen ist natürlich viel zu tun. Ein Test der Qualität, die Ausarbeitung von Verträgen, eine persönliche Besichtigung der Plantagen usw. Zudem haben wir vor einiger Zeit eine Blockchain-Technologie eingeführt. Unsere Kunden können durch das Scannen eines QR-Codes auf der Rückseite jedes einzelnen Paketes verschiedene Informationen zum vorliegenden Beutel erhalten. Wo wurde der Kaffee angebaut und von wem, wann wurde welcher Produktionsschritt gemacht, welcher Mitarbeiter hat das Qualitätsmanagement durchgeführt? Wir wollen diese Technik weiter ausbauen, um Transparenz von der Rohbohne bis hin zum fertigen Beutel zu garantieren.

roastmarket: Was ist sonst noch für die Zukunft von Solino Coffee geplant?

Dennis Roß: Wir wollen unsere Geschichte weiterverbreiten. Wir möchten noch mehr Stammkunden gewinnen, die den Kaffee selbst und seine Geschichte schätzen. Wir wollen präsent sein und als Beispiel vorangehen. Kernmarkt bleibt dabei sicherlich Deutschland. Ein Ausbau des Vertriebes Richtung Schweiz und Österreich ist aber geplant. Der Fokus bleibt derzeit auf dem bestehenden Sortiment. Vielleicht kommen langfristig aber noch Produkte dazu.

Eine Empfehlung zum Abschluss

roastmarket: Wir haben bereits über viele überzeugende Gründe für Solino gesprochen, gib uns doch noch einen letzten: Warum schmeckt Solino Kaffee so gut?

Dennis Roß: Wie ich eingangs erzählte, hat mich das Gespräch mit Felix Ahlers am Flughafen im Nordosten Äthiopiens dazu bewogen, mich diesem Projekt zu verschreiben. Dazu muss ich sagen, dass ich zwischen diesem ersten Gespräch und meinem ersten Arbeitstag bei Solino selbst einfach Kunde war. Ich habe mich damals also selbst auch durch die Qualität begeistern lassen. Es ist einfach ein toller äthiopischer Hochland-Arabica. Sehr säurearm und damit sehr harmonisch. Eine fruchtig-schokoladige Note beim Crema und eine würzig-schokoladige Note beim Espresso rundet die Sache ab. Wer handgerösteten Arabica mag, der kommt ganz bestimmt auf seine Kosten.

roastmarket: Wie trinkst Du selbst Deinen Kaffee am liebsten und welcher Kaffee aus Eurem Sortiment ist Dein Favorit?

Dennis Roß: Tatsächlich habe ich zu Hause eine French Press und eine elektrische Kaffeemühle. Klingt simpel, aber so mag ich den Kaffee eigentlich am liebsten. Da wechsle ich meistens die verschiedenen Sorten durch. Es ist als Vertriebler ja auch mein Job, unsere Produkte und ihre Besonderheiten immer wieder selbst zu erfahren, damit ich meine Erfahrungen an unsere Kunden weitergeben kann.

roastmarket: Lieber Dennis, wir danken Dir herzlich für das spannende Gespräch und die interessanten Einblicke hinter die Kulissen des Projekts Solino Coffee. Wir wünschen Dir und dem gesamten Team von Solino Coffee ganz viel Erfolg dabei, Deutschland mit euren fairen Kaffees zu begeistern!

Fotos: Copyright Solino

Fotos der Mitarbeiter aus Äthiopien: Copyright Lea May

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